Gehen wir einen großen Schritt zurück. Dann gleich noch einen. Von hier aus versuchen wir, alles von außen zu betrachten. Zum Beispiel unsere Herkunft und Entwicklung. Das, was und woher wir sind. Wie lange hat es eigentlich gebraucht, bis wir uns Homo sapiens nennen und aufrecht gehen konnten? – Bis zwei Minuten vor Mitternacht, wenn die Evolution an einem Tag geschehen wäre. Dies verrät das von Katie Scott illustrierte Buch „Der Baum des Lebens“. Wenn also um 0 Uhr die Erde entstanden wäre, kämen um 4 Uhr erste einzellige Organismen hinzu, mehrzelliges Leben spielt erst ab 18.30 Uhr eine Rolle, gegen 22 Uhr entwickeln sich erste Pflanzen und Säugetiere an Land, um 22.45 Uhr bevölkern noch Dinosaurier die Erde.

So betrachtet wirken wir klein, unbedeutend fast. Dabei frage ich mich: Wie kommt es eigentlich, dass wir uns so wichtig nehmen? Wie kommt es, dass einzelne „fertig“ entwickelte Homo sapiens immer wieder vergessen, dass wir nirgends das Recht erworben haben, zu entscheiden, wer an welchem Flecken Erde bleiben darf und wer nicht? Wie ist es möglich, dass wir in der Mitte jener Halbinsel, die wir heute Europa nennen, überhaupt auf die Idee kommen, wir hätten unsere Heimat „verdient“? Wäre es nicht viel eher denkbar, dass wir einfach nur großes Glück hatten, hier auf die Welt geboren worden zu sein?

Denken Sie bitte nicht, ich wollte Ihnen nicht auch heuer lieber eine schöne Weihnachtsgeschichte erzählen. Doch gerade weil mir persönlich momentan andere Gedanken und Fragen wesentlich erscheinen, wünsche ich Ihnen von Herzen frohe Weihnachten!

Der Text wurde 2015 in der Winter-Printausgabe des momag publiziert.

Der Baum des Lebens von Katie Scott

Der Baum des Lebens

Die Evolution

Illustriert von Katie Scott

Dieses Sachbuch ist 2015 bei Prestel erschienen und um € 15,50 im Buchhandel vor Ort erhältlich.