Unlängst ist der hier bei mir im Büro eingezogen. „Das ist ein Riese, mit einem gaaanz großen Kopf“, hat mir sein junger Schöpfer erzählt. Einer, der extra viel Platz zum Denken hat. Vielleicht philosophiert er gerne, schiebt Gedanken von seiner schwungvollen Kopflinie zur nächsten. So stelle ich ihn mir vor, meinen neuen Kollegen, den ich am liebsten mit dem Fuchs und dem Wildschwein aus Martin Baltscheits und Wiebke Rauers Buch „Nur ein Tag“ bekannt machen würde. Dann könnten wir alle gemeinsam über das Leben nachdenken. Oder über den Tod, oder  beides. „Der Tod ist wie das Leben – unvermeidbar. Niemand weint über das Leben und deshalb sollte auch keiner über den Tod weinen“, meint der Fuchs auf Seite 12.

Na gut, nicht über den Tod zu weinen, erscheint mir in jeder Hinsicht unrealistisch, aber wie schön wäre es, wenn niemand über das Leben weinen müsste, denke ich still bei mir. Doch ich kann mir ja schon vorstellen, was der Fuchs meint: Tod und Leben sind beide gleichviel und gleichzeitig unvermeidbar. Vielleicht dürfen wir über den einen genauso weinen wie über das andere, denke ich gerade, als mir mit Blick auf die nächsten Buchseiten klar wird, in  welcher Situation sich die Figuren befinden. Denn an dem idyllischen Platz am See, wo die Freunde verweilen, ist soeben eine Eintagsfliege geschlüpft. Dieser wundervolle Augenblick wird zum Schreckensmoment: Wie sollen sie dem jungen Geschöpf sagen, dass sein Leben so kurz sein  wird? Was werden die drei an diesem einen Tag erleben? – Was würden Sie an einem Eintagsfliegentag unternehmen?

Dieser Text wurde 2016 in der November-Printausgabe des momag publiziert.

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Nur ein Tag

Von Martin Baltscheit & Wiebke Rauers

Dieses Kinderbuch ist 2016 bei Dressler erschienen und um € 13,40 im Buchhandel vor Ort erhältlich.