Ich mag Steine. Gerne finde ich sie unterwegs, am Meer, in den Bergen, wohin auch immer ich komme. Aber am allerliebsten mag ich Ybbssteine. Woran das liegt, weiß ich eigentlich nicht so genau. Vielleicht, weil sie oftmals so schön rund geschliffen sind, gut und flach in der Hand liegen und weil sich das wie ein Stück Heimat anfühlt, irgendwie. Ich kenne eine Frau, die Steine in Herzform sammelt. Auch vorwiegend an der Ybbs, soweit ich weiß.

Gibt es für jeden Mensch solche Steine? Welche, die sich anders anfühlen als andere, die mehr sind als ein Stück Stein in der Hand? – Ich vermute ja. Weil es Steine überall gibt, weil sie nirgends ganz gleich sind, weil es offenbar möglich ist, mit Steinen Emotionen auszudrücken oder auch auszulösen.

Genau das gelingt dem Künstler Nizar Ali Badr mit seinen Bildern zu einer Geschichte der Autorin Margriet Ruurs. Mithilfe von vielen kleinen Steinen stellt er Collagen zusammen. Nizar lebt in Latakia, einer syrischen Hafenstadt. Dort sammelt er die Steine für seine Kunstwerke. Für das Bilderbuch „Ramas Flucht“ hat er Collagebilder gestaltet, die nacheinander und nebeneinander betrachtet, die Geschichte eines Mädchens, das gemeinsam mit seiner Familie aus Syrien flüchten muss, erzählen. Ich frage mich: Was braucht es, dass sich Steine, die dieses Mädchen vielleicht irgendwann einmal entlang der Ybbs sammeln wird, auch für sie so anfühlen, als wären sie wie ein Stück Heimat?

Der Text wurde 2017 in der März-Printausgabe des momag publiziert.

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Ramas Flucht

Von Margriet Ruus & Nizar Ali Badr

Dieses Bilderbuch ist 2017 bei Gerstenberg erschienen und um € 13,40 im Buchhandel vor Ort erhältlich.