Meine geniale Kollegin Martina Koler aus Oberbozen/Südtirol hat sich im Homeoffice etwas sehr Besonderes, Schönes einfallen lassen und unter dem Motto Büchermenschen aus nah und fern Interviewfragen in alle Himmelsrichtungen verschickt. Viele Buchmenschen haben ihr geantwortet, um über ihre eigene Lesekindheit, über Lieblingsbücher und die Arbeit mit Kinderbüchern zu erzählen.

Während ich an meinen Antworten zu Martinas Fragen saß, habe ich mir gedacht: „Was wohl Martina Koler dazu sagen würde? Was wären ihre Antworten? Wer fragt Martina?“ Also habe ich Martina gefragt, sie hat nun ihre Fragen so zu sagen selbst beantwortet und ich darf diese Antworten im Folgenden präsentieren. – Vielen Dank, liebe Martina!

 

Wie geschichtenreich war deine Kindheit? Welches Buch, welche Bilder, welcher Text haben dich geprägt und zum Leser/zur Leserin werden lassen?

In meiner Kindheit gab es natürlich weitaus weniger Bilderbücher als heute. Ich habe von klein auf gerne Bücher angesehen, mir vorlesen lassen und dann sehr gerne selbst gelesen. Mein Lieblingsbuch in Kinderjahren war „Der glückliche Löwe“. Ich habe es immer wieder angeschaut, mir erst vorlesen lassen und es dann auch selbst gelesen. Bei den Bildern handelt es sich vorwiegend um Kohlezeichnungen, nur auf wenigen Seiten mit Ocker und Rot koloriert. Besonders fasziniert haben mich die im Text vorkommenden französischen Namen – Herr Lehrer Dupont und Madame Pinson. Ich habe das bereits früh nachzusprechen versucht. Vielleicht rührt ja meine Begeisterung für die französische Sprache daher. „Die Struwwelliese“ gehörte auch zu meinen Lieblingsgeschichten. Zu jedem Anlass habe ich mir Bücher gewünscht und dann auch geschenkt bekommen. Später dann war der Besuch von Bibliotheken die beste Möglichkeit, zu viel Lesefutter zu kommen. In meiner Erinnerung ist „Wir Kinder aus Bullerbü“ das erste Buch, das ich selbständig gelesen habe

Was ist für dich ein gutes Bilderbuch?

Ein gutes Bilderbuch – das ist eines, das mich fesselt, das mich erstaunt und hoffnungsvoll zum Blättern, Schauen, Lesen einlädt. Eines, das mir etwas zu sagen hat, mich wachrüttelt, zum Nachdenken auffordert, mich schmunzeln und lachen lässt. Ich glaube, ich sehe Bilderbücher sehr oft mit Kinderaugen an. In erster Linie wichtig ist da natürlich die Bildsprache, die Aufmachung und dann auch der Text, die Sprache, der Inhalt. Ich mag Bilderbücher mit wenig Text, ich will mich in die Bilder vertiefen, schauen, was es dort zu entdecken gibt und wie die Künstler die Geschichte erzählen.

Welche Art von Bildern macht dich neugierig?

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte – Bilder sollen etwas zu erzählen haben, sie sollen mich neugierig auf die Geschichte machen und mich zum Denken, zum Fantasieren und Erzählen anregen. Natürlich gibt es Techniken, die mich besonders ansprechen – spezielle Drucke, Collagen, Kombinationen mit Zeichnungen … – oder auch Lieblingsfarben. Großen Wert lege ich auf die Mimik und Gestik der dargestellten Figuren. Sie sollen bestenfalls die Stimmung ausdrücken, die der Geschichte zu Grunde liegt.

Ein Bilderbuch-Klassiker, den du allen ans Herz legen möchtest!

„Wo die wilden Kerle wohnen“ von Maurice Sendak – ein altes Bilderbuch, das aber auch heute noch hochaktuell ist und Kindern nach wie vor gefällt.

Welches Bilderbuch sollte jedes Kind unbedingt kennenlernen?

Da kann und will ich mich nicht auf eines festlegen. Kinder sollen möglichst viele Bilderbücher kennenlernen, ansehen, angreifen dürfen und Erwachsene sollten ihnen möglichst viele vorlesen – von Anfang an! Wichtig ist mir auch, sich nicht auf eine bestimmte Schiene festzulegen. Die Bandbreite an guten Bilderbüchern ist so groß, dass Kinder darin baden sollten: Vom Wimmelbuch über das erzählende Bilderbuch bis hin zum Sachbuch und zum textlosen Bilderbuch. Dann gibt es natürlich noch eine reiche Themenvielfalt und unterschiedliche Aufmachungen sowie Illustrationsstile und -techniken. Das alles will entdeckt werden und hilft dabei, seinen Geschmack zu prägen und Freude an Literatur zu entwickeln.

Welches „besondere“ Bilderbuch würdest du Kindern auf jeden Fall zutrauen?

„Wo ist mein Hut?“ von Jon Klassen, weil Kinder es vollkommen anders aufnehmen und interpretieren als Erwachsene.

Wo findest du immer wieder neue Buchempfehlungen?

In „1001 Buch“, in „Buch und Maus“, in der „Zeit“ und immer wieder in gut sortierten Buchhandlungen.

Hast du eine Lieblingsautorin, einen Lieblingsillustrator, bei der/dem du immer gespannt auf das nächste neue Buch wartest?

Natürlich gibt es die! Einige davon findet man in meiner Rubrik „Büchermenschen“. Zum Glück aber gibt es auch immer wieder Neuentdeckungen, gerade das macht meine Arbeit so spannend. Ich möchte mich auch nicht auf ein bestimmtes Schema oder einen Stil festlegen.

Welches Bilderbuch möchtest du angehenden PädagogInnen unbedingt ans Herz legen?

„Kinder brauchen Bilderbücher. Erzählförderung in Kita und Grundschule“ von Jochen Hering, Klett/Kallmeyer, 2016.

Welches Lese-Zitat begleitet dich bei deiner Arbeit?

Ich kann mir kein größeres Glück denken als mit einem Kind zusammen zu sein, das gerade dabei ist, seine Sprache zu entdecken. Als wir Kinder waren, liebten wir es, mit der Sprache zu spielen, so wie alle Kinder es tun. Dieses Zitat von Astrid Lindgren begleitet mich bereits seit vielen Jahren und ist nach wie vor hochaktuell. Die Sprach- und Leseentwicklung von Kindern hängen eng zusammen – also: Was kann es Schöneres geben, als Kinder auf diesem Weg zu begleiten!

Lässt du dir gerne vorlesen – was und von wem?

Sehr gerne, wenn jemand Zeit und Lust dazu hat: Gedichte, Geschichten, Zeitungsnotizen. Ich höre auch sehr gerne Radio und freue mich immer über spannend und gut Vorgelesenes.

Hast du ein Herzensanliegen in puncto Lesen?

Dass Kinder so früh und so viel wie möglich zu Büchern und Geschichten herangeführt werden!!!

Woran arbeitest du gerade?

An den neuesten Bilderbuch-Rezensionen für meine Homepage und an den aktuellen Fortbildungen für PädagogInnen, die hoffentlich im Herbst wieder stattfinden dürfen.

Wohin ziehst du dich zurück, wenn du in Ruhe lesen möchtest?

In meinen Garten, dort gibt es einige lauschige Ecken. In mein Schlafzimmer, da kann ich die Tür hinter mir schließen. In den Wald, da genieße ich dann zudem frische Luft und Vogelgezwitscher.

Wenn du heute, hier und jetzt einem Kind ein Bilderbuch vorlesen könntest, welches wäre es?

„Ein Strandtag“ von Susanna Mattiangeli und Vessela Nikolova, weil es zur Jahreszeit passt, weil ich mich zurzeit selbst nach dem Meer sehne und weil es ein Buch ist, das zum Erzählen, Träumen und Staunen einlädt.

Ein Bilderbuch ist für mich … eine Quelle der Freude, in die ich immer wieder eintauchen kann.

Vorlesen bedeutet … andere glücklich zu machen und selbst reich beschenkt zu werden.

Bibliotheken sind … Schatz-Inseln, die es immer wieder zu entdecken gilt.

Bilderbücher laden ein zum … Staunen, Vor-Lesen, Fabulieren, Träumen …

Ein Bilderbuch kann … Kindern und Erwachsenen die Welt erschließen.

Ein Bilderbuch sollte unbedingt … immer wieder verschenkt werden.

 

Literaturangaben:

Louise Fatio, Roger Duvoisin: Der glückliche Löwe. Herder. 1955.

Cilly Schmitt-Teichmann: Die Struwwlliese. Pestalozzi. 1950.

Astrid Lindgren: Wir Kinder aus Bullerbü. Oetinger. 1955.

Maurice Sendak: Wo die wilden Kerle wohnen. Diogenes. 1967.

Jon Klassen: Wo ist mein Hut? Nord Süd. 2011.

Susanna Mattiangeli, Vessela Nikolova: Ein Strandtag. Bohem. 2020.

 

Martina Koler, Germanistin und Literaturvermittlerin, Oberbozen/Südtirol. www.martina-koler.com

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